Jetzt fehlen die Mädchen – Ein-Kind-Politik

Ich war in der 6. Klasse als ich in Geografie von der Ein-Kind-Politik erfahren habe (wir sind 5 Kinder). Ein interessanter Artikel aus Der Zeit.

“Das größte und radikalste Programm zur Fortpflanzungskontrolle hat Geburtstag: Chinas Ein-Kind-Politik ist 30 geworden. Doch schon die Geburtsurkunde sieht, planwirtschaftlich vorausschauend, ein mögliches Ableben voraus. In 30 Jahren, wenn das Problem entschärft sei, könne man die Politik ja überdenken. Diesen Passus nutzte in den vergangenen Wochen eine Gruppe chinesischer Wissenschaftler und Exbeamter. Sie forderten die Abschaffung der Vermehrungsbeschränkung – und standen dabei ganz im Einklang mit derselben.

Seit zehn Jahren sammeln die Forscher um Gu Baochang von der Renmin-Universität in Peking empirische Indizien dafür, dass Fortpflanzungsfreiheit mitnichten ins Chaos führt. Das soll die chinesische Führung überzeugen, zumal die Politik einen gewaltigen Aufwand verursacht. Mit Kontrollen, enormen Bußgeldern, auch Abtreibungen und Sterilisierungen unter Zwang versuchten die Beamten der »Kommission für Familienplanung« die Natur des Volkes in den Griff zu bekommen – mittlerweile arbeiten dort nicht weniger als 500.000 Fortpflanzungswächter.

So wuchs die Bevölkerung moderat, doch ihre Struktur geriet aus der Balance: Es fehlt an Arbeitskräften, und das führt in Zukunft zu einer gewaltigen Versorgungslücke. Weil massenhaft Mädchen abgetrieben wurden (und weiter werden), steht China für das Jahr 2030 ein Überschuss von 30 Millionen Männern bevor. Die Regierung fürchtet schon jetzt den Frust der Junggesellen. Zugleich wuchs eine Generation von verwöhnten und gestressten Einzelkindern heran, die »kleinen Kaiser«.

Doch sosehr der Westen die Volksrepublik für ihre Rigidität schalt, so froh war man insgeheim, dass das ehemalige Entwicklungsland nicht noch mehr Einwohner hervorbrachte. 1,3 Milliarden Menschen leben heute in China. 400 Millionen Geburten habe die Ein-Kind-Politik verhindert, rechnet die Regierung vor – die skeptische Forschergruppe spricht von nur 100 Millionen. In der Realität bekommt eine Chinesin heute im statistischen Mittel nicht ein, sondern je nach Berechnungsmodell 1,5 bis 1,77 Kinder. Das liegt an den ganzen 22 Ausnahmen der Regel: So sind Angehörigen von Minderheiten mehr Kinder erlaubt, aber auch Bergarbeitern und Bauern, deren erstes Kind ein Mädchen ist.

Wissenschaftlich unterfüttert hatte den bürokratischen Gewaltakt der Ein-Kind-Politik übrigens ein Raketeningenieur. Es mangelte dem Land damals schlicht an Bevölkerungsforschern. Heute hingegen setzt eine Generation im Ausland ausgebildeter Demografen auf statistische Evidenz. Ihre beiden wichtigsten Argumente lauten:

1.»Viele Chinesen wollen nur ein Kind.« So ließ Zheng Zhenzhen von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Jiangsu – einer der wohlhabendsten Provinzen – mehr als 4500 Frauen befragen, die zwei Kinder haben durften, weil sie selbst Einzelkinder waren (eine weitere Ausnahme). Nur 45 Prozent von ihnen gaben allerdings an, diese Chance nutzen zu wollen. Und selbst viele von denen taten es dann gar nicht.

2.»Das Bevölkerungswachstum wäre ohnehin gesunken.« Von 1970 bis 1990 nahm die Fertilitätsrate ab, von 5,5 auf 2,3 Kinder je Frau. In Thailand und Brasilien verlief die Kurve ganz ähnlich – ohne Ein-Kind-Politik. Die einzige Ursache kann diese also nicht gewesen sein, vielleicht war sie nicht einmal die wichtigste.

Bei den offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten klang das natürlich ganz anders. Die Politik sei ein Erfolg gewesen und bleibe noch unverändert, sagte Chinas oberste Fortpflanzungswächterin Li Bin. Doch allzu sicher ist das nicht. So fordern die freigeistigen Demografen zunächst regional beschränkte Lockerungen – auf Sonderwirtschaftszonen sollen Sonderfortpflanzungszonen folgen.

Offenbar gibt es solche Gedankenspiele auch in der Regierung. Eine Ausweitung der Ausnahmen könnte das Ende der Ein-Kind-Politik einläuten. Im kommenden Jahr soll ein Pilotprojekt in fünf Provinzen starten: Eltern, die selbst Einzelkinder sind, sollen dort zwei Kinder bekommen dürfen. Das sagte zumindest der Bevölkerungsforscher He Yafu verschiedenen Medien – er berief sich auf Quellen in der Kommission für Familienplanung.

Quelle: zeit.de pic by violeteye

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